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Überirdisch normal


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Was die Teenager Greta Thunberg und Billie Eilish verbindet: Ernst, Melancholie und die Verweigerung des Lächelns. Sie sind die Kinderpopstars unserer Zeit.

 

 

Plötzlich sind sie da: Kinderstars, die man ernst nehmen muss. Die Zeit teilt sich in ein Davor und ein Danach. Vor der Klimaaktivistin Greta Thunberg (16) und vor der Musikerin Billie Eilish (17). Popstars sind sie beide, und damit seltene Exemplare, denn die fragmentierte digitale Öffentlichkeit erlaubt solche Breitenwirkung nur noch in Ausnahmefällen.

Popstars sind schillernde Gebilde, die zum einen unsere Wünsche erfüllen, zum anderen Widerstände entwickeln, um von unseren Wünschen nicht vollends regiert zu werden. Popstars müssen eine Idee des Neuen transportieren können, auch wenn die Kanäle alt sind, etwa Tonträger, Popkonzerte, Demonstrationen oder Vollversammlungen. Sie müssen alles anders machen. Zwei junge Frauen oder zwei alte Kinder: Das ist nur die demografische Dimension dessen, was Greta Thunberg und Billie Eilish vom Rest einer überalternden, männerdominierten Gesellschaft abhebt. 

Greta und Billie machen tatsächlich alles anders als die Kinderstars der vergangenen 100 Jahre. Die kleine Shirley Temple hatte in den Dreißigerjahren die Skills einer Erwachsenen, ihr Stepptanz übertönte das Keuchen der USA in der Great Depression. Die Botschaft: Das Kind muss den Karren zur Not selbst lenken, die Eltern sind wirtschaftlich zu schwach dafür. Der niederländische Kinderstar Heintje sang 1967 Zeilen, die eher nach Papa klangen, wäre der nach der Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft geistig heil geblieben: "Tage der Jugend vergehen / Schnell wird der Jüngling ein Mann / Träume der Jugend vergehen / Dann fängt das Leben erst an / Mama ich will keine Träne sehen / Wenn ich von dir dann muss gehen." Heintje war zwölf Jahre alt. Und Mama blieb 1968 die meistverkaufte Single in der alten BRD. 

Ende der Siebzigerjahre drängten dann Jungs ins Fernsehzimmer, die eh allein klarkommen mussten. Die Eltern der Schlüsselkinder arbeiteten ja jetzt beide. Weil sie durften (Emanzipation) oder weil sie mussten (Neoliberalismus). In Deutschland ist es ab 1979 der vaterlose Timm Thaler, der sein Lachen verkauft, dafür jede Wette gewinnt – ein Teenager als Broker des Glücks. Und weltweit regelt seit 1990 Kevin – Allein zu Haus die Sache mit den Einbrechern auf eigene Faust, weil die Eltern ihn vergessen haben, sie müssen ja immer an so viel gleichzeitig denken. Schon wieder eine Jugend, die keine ist. 

Ganz anders bei Thunberg und Eilish: Sie stellen Jugend als etwas radikal anderes dar, als Jugend eben. Dabei verhalten sie sich völlig altersgemäß. Sie sind traurig, sie sind wütend, und eigentlich möchten sie lieber nicht so viel mit Erwachsenen reden. Weil… *augenroll*. Na gut, dann machen wir halt dieses Album, ein Format für Papi, bei der größten Plattenfirma der Welt, dachte wohl Billie Eilish, die bis Ende letzten Jahres mit Singles und Videos für ihre kindliche Kernkundschaft ganz gut gefahren war. Und Greta Thunberg hat Schüler*innen organisiert und konnte nicht damit rechnen, dass sie binnen eines Jahres vor den Vereinten Nationen sprechen würde. Wenn es denn sein muss … Okay, ich mach's. Aber bitte verlangt jetzt nicht auch noch, dass ich in Jubel ausbreche, ja?

 

Teenager, die Teenager darstellen

Wer Teenager nicht nur aus dem Internet oder dem Popgeschäft kennt, den überrascht dieses Verhalten nicht. Sie sind nicht zwingend neugierig auf das Urteil der Erwachsenen, aber heutzutage recht höflich. Manchmal blicken sie mit einer solchen Coolness aus der Wäsche, dass man nicht weiß, ob sie die Frage ihres Gegenübers überhaupt registriert haben. Vielleicht fanden sie die Frage lustig, langweilig oder egal. Vielleicht denken sie gerade an etwas anderes, an den Mathetest oder die raren Turnschuhe auf Ebay. Oder sie sind nur sauer und wissen gerade nicht, warum. So weit normal. In der globalen Öffentlichkeit wirkt die Normalität von Thunberg und Eilish aber geradezu überirdisch. Sie sind Teenager, die Teenager darstellen. Die Idee ist so platt wie genial. 

Thunbergs scheinbare Ruhe und ihr Fokus auf die Fakten des Klimawandels, ihr tolles, klares Englisch, die ungeschminkten Auftritte, und dann segelt sie auch noch ohne zu kotzen über den Atlantik: Jesus! Und wie Eilish mit ihrem Bruder diese tollen Songs nicht nur schreiben, sondern auch produzieren konnte und damit viele Mechanismen der Tonträgerindustrie aushebelte, macht ihr so schnell keine nach. Eilish und Thunberg sind exzentrisch bis zum Platzen, und doch gewöhnlich in ihrer Entwicklung. Zwischen diesen Polen bewegt sich jeder Popstar, er oder sie muss die Spannung halten – zwischen normal und nicht, krank oder gesund. 

Zur Tragödie mancher Popfiguren gehörte immer auch, dass sie Porenreinheit, Glätte und Perfektion als anbetungswürdig verkauften und somit ihre eigene Halbwertszeit besiegelten. Thunberg und Eilish sind Göttinnen unserer Zeit, gerade weil sie ihre Makel ausstellen. Sie gehen zum Beispiel ganz anders mit psychischen Krankheiten und Abweichungen um als die Generationen vor ihnen. Thunberg thematisiert ihr Asperger-Syndrom, eine leichte Form des Autismus, und berichtet, wie ihr die Klimabewegung half, persönliche Probleme zu überwinden. Aus der Akte Eilish sind bekannt: Tourette und depressive Episoden. Heute erzählen sich Teenies ganz nebenbei über ihre letzte Sitzung beim Psychologen. Wenige rauchen oder nehmen Drogen, aber viele haben einen Schaden, ohne sich dafür zu schämen. Ein Politiker älteren Semesters mit einer nicht diagnostizierten, potenziell psychotischen narzisstischen Störung und stark verminderter Impulskontrolle kann da schon mal neidisch werden. 

Greta Thunberg produziert einen Popmoment nach dem anderen. Nach der Landung im Hafen von New York und auch während der Rede vor den Vereinten Nationen verdüsterten sich ihre Gesichtszüge, ihr Atem stockte. Auch ihre Rhetorik legt neuerdings an Schärfe zu, sie sucht stärker die Abgrenzung von Erwachsenen (sie liest vielleicht zu viele Kommentare der Erwachsenen, jemand sollte ihr das mal ausreden). Die Zuschauer werden im Unklaren gelassen, ob der Popstar eine authentische idiosynkratische Schwäche zeigt oder ob das Teil der Show ist. Und von Tag zu Tag spuckt sie mehr Sloganmaterial aus: "How dare you", "Right here, right now". Wie Songtitel. Folgerichtig gibt es bereits unzählige Videos, die daraus wirklich Tracks bauen – Greta als schwedischer Death MetalGreta im Mash-up mit den Big Beats von Fatboy SlimGreta über Techno.

Billie Eilish ist derweil die erste Sängerin ihres Alters und mit ihrer Breitenwirkung in der Popgeschichte, die nicht von Kraft und Leistung erzählt, sondern vom Aufdiefüßestarren, von Schlaffheit, vom Außenseitertum. Und die dabei auch so klingt. Ihre Stimme: mehr gehaucht als gestählt, die Augen auf Halbmast, aber ohne damit Schlafzimmer zu signalisieren. Es kann kein Zufall sein, dass Eilish zugleich als erster weiblicher Kinderpopstar den Körper lieber verhüllt als betont. 

Legionen von Musikkritikern arbeiten seit Jahrzehnten daran, übersexte junge Sängerinnen als möglicherweise selbstermächtigte Agentinnen im Kampf gegen das Patriarchat zu porträtieren. Eben als Gegenentwurf zu den Verdächtigungen, sie seien doch bloß Marionetten männlicher Macher, denen Popstars wie Madonna, Kylie Minogue, Ariana Grande oder Taylor Swift immer wieder ausgesetzt waren. Es gab und gibt gute Gründe, die Körperlage komplex zu betrachten. Aber nach Jahrzehnten der so oder vielleicht auch so gemeinten Pornoposen fällt sofort auf, wenn jemand die völlig verrückte Idee hat, keine Pornopose einzunehmen. Ein Superstar ohne Sexbotschaft dafür mit gelegentlich schlechter Laune – das geht. Crazy.

 

"Sei du selbst" ist gefährlich

Aber Vorsicht mit Projektionen. Thunberg und Eilish sind nicht nur deshalb die relevantesten Figuren der Popgegenwart, weil sie von Kindern dazu erklärt werden und fortan autonom handeln. Sie bewegen sich auf erwachsenen Bühnen, sie erfüllen auch die Wünsche der Erwachsenen. Vor fünf Minuten hatten wir noch alle Angst um die Jugend, weil die angeblich nur aufs Handy starrt. Dann kommen solche Figuren, die noch im Kindesalter einen neuen Ton in der Popmusik finden und eine soziale Bewegung gründen, wie man sie noch nie gesehen hat. Und jetzt haben wir nicht Angst um sie, sondern manche eher vor ihnen.

Die Sorge um diese beiden Teenager wäre eher berechtigt. Kein Individuum kann diese Last auf Dauer schultern. Ihre unterschwellige und nur hier wirklich naive und gefährliche Botschaft lautet nämlich "Sei du selbst". Im Kern ist das eine Anleitung zur Selbstvernichtung: Denn nur die Errungenschaft, nicht man selbst sein zu müssen, führt die Möglichkeit der Freiheit ein. Die Freiheit, nicht zu arbeiten, die Freiheit, nicht erkannt zu werden, die Freiheit, spielerisch etwas anderes sein zu können, als man immerzu darstellt. Wer rund um die Uhr dieselbe Rolle spielt, gerade die des "Selbst", wird zusammenbrechen. "Sei du selbst" ist gleichzeitig ein Erbe der Hippiekultur und der perfideste aller neoliberalen Befehle. 

Billie Eilish weiß das vermutlich alles schon. Es gibt ein etwas älteres Handyvideo von ihr, in dem sie ihr Lied I wish you were gay erst anmoderiert und dann singt, nur von ihr selbst auf der Gitarre begleitet. Es ist ein trauriges Lied. Ab der vierten Minute sehen wir, wie sie blitzschnell die Maske fallen lässt und lacht, bevor sie, zack, wieder weiterschmachtet in diesem undeutlichen Teenagergesang, bei dem es darum geht, den Mund möglichst nicht zu öffnen. Dieses Bewusstsein, dass ein Auftritt ein Auftritt ist und kein Küchengespräch, könnte Greta Thunberg helfen. Sie muss jetzt ganz viel Billie Eilish hören. 



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